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Freundlich Nein-sagen

Sind Sie ein guter Nein-Sager?

Guyot Coaching - Freundlich Nein-sagen Oder ertappen Sie sich auch manchmal dabei, dass Sie „Ja“ sagen, obwohl Sie eigentlich „Nein“ meinen.

  • Ein Kollege fragt Herrn X. in der Firma schon zum wiederholten Male, ob er ihn am Wochenende vertreten könne. Herr X. hat ihn bereits schon mehrere Male unterstützt und obwohl er selbst erschöpft ist und bereits andere Termine verabredet hat, tut er ihm –widerwillig- den Gefallen...

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  • Rechtzeitig hat Frau Müller ihren Urlaub bei ihrem Chef eingereicht und genehmigt bekommen, dieses Jahr endlich zu ihrem Wunschtermin. Jetzt tritt eine Kollegin an Sie heran und möchte im gleichen Zeitraum Urlaub machen, was aber aus betrieblichen Gründen nicht möglich ist.
    „Mein Mann bekommt in seiner Firma nur in genau diesem Zeitraum Urlaub, und es ist die einzige Möglichkeit für einen gemeinsamen Urlaub. Wir haben uns schon so darauf gefreut. Lass mich jetzt bitte nicht hängen.“
    Obwohl Frau Müller ebenfalls bereits feste Pläne mit ihrer Familie gemacht hat und der Tauschtermin deutlich ungünstiger ist, lässt sie sich erweichen und geht den Tausch ein.

  • Frau Meyer ist Sekretärin und für 3 Abteilungen zuständig. Für den heutigen Tag haben ihr bereits zwei Abteilungsleiter wichtige Terminaufgaben übertragen, als der dritte Abteilungsleiter mit einer weiteren dringenden Aufgabe auf sie zukommt. „Bitte machen Sie noch schnell die Rechnung für Herrn Schmidt fertig. Er kommt gleich vorbei, um Sie abzuholen. Aber vergessen Sie es bitte nicht.“
    Wohlwissend dass sie alle Arbeiten unmöglich pünktlich fertigstellen kann, sagt Frau Meyer: „Gut, ich werde mich sofort daran setzen!“

  • Andreas trifft auf einer Fortbildung zufällig einen alten Schulkameraden, mit dem er aber bereits damals schon wenig Gemeinsamkeiten hatte. „Mensch Andreas, toll Dich zu sehen. Ich hab Dir soviel zu erzählen, wir müssen uns unbedingt am Wochenende treffen. Hier meine Adresse, Samstag, 20:00 Uhr, bring Deine Freundin mit!“
    Obwohl Andreas kein echtes Interesse an dem ehemaligen Schulkameraden hat und er das Wochenende mit seiner Freundin gerne anders verbracht hätte, bringt er es nicht übers Herz, die Einladung auszuschlagen.

Kennen Sie solche oder ähnliche Situationen?
Man registriert in solchen Situationen durchaus, dass das JA einem nicht gefällt und nur schwer über die Lippen kommt, man bemerkt wie sich Widerstand in einem regt und ein ungutes Gefühl aufkommt, doch nicht immer sagt man, was man eigentlich sagen möchte: NEIN !

Aber warum sagen wir JA, wenn wir eigentlich NEIN meinen?

Es gibt viele Gründe dafür:

  • Bequemlichkeit

  • Angst vor einem Konflikt

  • der Wunsch, einen Konflikt zu vermeiden oder zu vertagen

  • Rücksichtnahme

  • Hilfsbereitschaft

  • Sehnsucht nach Anerkennung und Zugehörigkeit

Die Bereitschaft, die eigenen Bedürfnisse denen anderer unterzuordnen, ist weit verbreitet.
Viele Menschen haben es in ihrer Kindheit nicht gelernt sich abzugrenzen, sie wurden von ihren Eltern für Gehorsam und Bravsein mit Liebe und Anerkennung belohnt, nicht aber wenn sie versuchten ihre eigenen Bedürfnisse durchzusetzen, sie haben gelernt, dass das eigene Nein nicht erwünscht ist.

Schon von frühester Kindheit treiben uns zwei zentrale Motive an:

  • Das Bedürfnis nach Bindung und Zugehörigkeit

  • und das Bedürfnis nach Autonomie

Da wir soziale Wesen sind, gewinnt im normalen Alltag meist das Motiv der Zugehörigkeit die Oberhand:
Soziale Bindungen sind uns in der Regel wichtiger als die unbedingte Durchsetzung der eigenen Interessen.
Und so kommt es, dass wir in vielen Situationen nachgeben, die eigenen Bedürfnisse zurückstellen, faule Kompromisse schließen und den eigenen Ärger und die eigene Unzufriedenheit darüber kleinreden:

  • „Es lohnt sich nicht, deshalb ein Fass aufzumachen ......“

  • „So wichtig ist mir das nun auch wieder nicht ....“

  • „Es hat doch keinen Zweck wegen dieser Sache einen Streit anzufangen ....“

  • „Passt schon!“

  • „Wegen dieser Sache will ich doch nicht unsere Freundschaft gefährden ....“

Aber das Nicht-Nein-sagen-Können hat einen hohen Preis:
Latente Unzufriedenheit, unterdrückter Zorn, Ärger und Erschöpfung.
Aufgestaute Emotionen können zu organischen Störungen führen.
Die Zeitkrankheit Burnout resultiert aus der Unfähigkeit, Grenzen ziehen zu können.
Burnout trifft nicht nur die Arbeitssüchtigen und Hyperaktiven, sondern gerade auch die Personen, die Schwierigkeiten haben, ein klares NEIN zu formulieren, Personen mit der „Passt-schon / Nicht- so- schlimm-Mentalität“.

„Die Hälfte des Kummers dieser Welt stammt davon, dass zu schnell Ja und nicht schnell genug Nein gesagt wird.“
Josh Billings (amerikanischer Schriftsteller)

Warum sollten wir alle öfter NEIN sagen?

  • Ein NEIN hilft Ihnen, sich auf das zu fokussieren, was Ihnen wirklich wichtig ist.
    Das setzt natürlich voraus, dass Sie sich Ihrer eigenen Gefühle, Bedürfnisse, Wünsche, Ziele und Visionen auch bewusst sind.

  • Ein NEIN hilft Ihnen, Ihre persönlichen Ziele besser zu erreichen.
    Wenn Sie sich für etwas entscheiden, dann bedeutet das auch immer, dass Sie sich gleichzeitig gegen etwas anderes entscheiden.
    Wenn Sie ein positives, kraftvolles, motivierendes und klares Ziel vor Augen haben, dann fällt Ihnen ein NEIN zu allem, was Sie davon abfällt viel leichter.

  • Ein NEIN gibt Ihnen Zeit, das zu tun, was Sie wirklich lieben.
    Unsere Lebenszeit ist das wertvollste Gut, das wir besitzen.

    • Zeit ist ein absolut knappes Gut.

    • Zeit ist nicht käuflich.

    • Zeit ist unbezahlbar.

    • Zeit ist relativ.

    • Zeit kann nicht gespart oder gelagert werden.

    • Zeit kann nicht vermehrt werden.

    • Zeit verrinnt kontinuierlich und unwiderruflich.

    Unsere wichtigste Aufgabe im Leben ist es, unsere Lebenszeit intensiv und bewusst für das zu nutzen, was uns wirklich wichtig ist.

  • Ein NEIN strukturiert Ihren Alltag im Beruf und im Privaten, es schafft Freiräume für strategische Planung und Priorisierung, hilft uns den Überblick zu behalten und befreit uns von der Tyrannei der Dringlichkeit, sorgt dafür, dass wir vordergründig die wichtigen Dinge erledigen.
    Denn das Wichtige ist selten dringend – und das Dringende ist selten wichtig.

  • Ein NEIN bedeutet nicht, dass das JA aus dem Wortschatz gestrichen wird.
    Denn ein entschiedenes NEIN zu allem, was uns von unserem Weg abbringt, ist die Grundlage zu einem starken JA zu dem, was wir gewählt haben.
    Und genau diese Entschiedenheit ist die Grundlage für ein erfülltes Leben.

Wer als Kind das Nein-Sagen nicht lernen durfte, kann sich diese Fähigkeit zu jedem Zeitpunkt seines Lebens auch selbst beibringen.
Jeder Mensch kann lernen, seinen eigenen Wünschen und Bedürfnissen den Stellenwert einzuräumen, der ihnen zusteht.

Bei Ängsten und Befürchtungen vor dem Aussprechen eines NEIN, hilft es sich ein Worst-Case-Szenario auszumalen und sich zu fragen: „Wie kann mein Gegenüber im schlimmsten Fall reagieren?“. Das hilft zwischen Befürchtungen und Realität zu unterscheiden.
Durch Übung im Nein-Sagen werden Sie erkennen, dass wir unserem Gegenüber oft mehr Macht zugestehen, als er tatsächlich hat, und die Befürchtungen oft viel größer und weitreichender sind, als die tatsächlichen Konsequenzen aus unserem NEIN.

Und es kommt natürlich auch entscheidend darauf an, wie man ein NEIN formuliert:

Geben Sie Ihrem NEIN einen wertschätzenden und freundlichen Rahmen, denn es muss sich nicht ausschließen, die eigenen Bedürfnisse durchzusetzen und die Bedürfnisse der Mitmenschen anzuerkennen. Jeder Mensch will ernst genommen und respektiert werden. Wenn dieses Bedürfnis nicht erfüllt wird, kommt es zum Konflikt.
Den Wunsch anderer nach Anerkennung zu erfüllen, bedeutet nicht, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse hinten anzustellen.
Wenn Sie sich anderen gegenüber abgrenzen wollen, eine Bitte ablehnen oder einer Forderung nicht nachkommen wollen, dann erfüllen Sie in diesem Moment die Bedürfnisse des anderen nicht. Umso wichtiger ist es, dass er sich trotzdem ernst genommen fühlt.

Strategie für ein freundliches, empathisches und aufrichtiges NEIN:

  • ohne den anderen vor den Kopf zu stoßen

  • für den anderen nachvollziehbar und verständlich

  • Berücksichtigung aller Bedürfnisse

  • Förderung einer wertschätzenden Beziehung

1. Schritt:
Zeigen Sie, dass Sie das Anliegen der anderen Person gehört haben.
Welche Gefühle und Bedürfnisse sind beim anderen aktuell?
Signalisieren Sie Interesse und Mitgefühl.
Mit Formulierungen wie: „Es tut mir leid .....“, „Leider .......“, „Entschuldigung .....“,
„Ich verstehe, dass Sie ......“, „ Ich kann Sie gut verstehen ....“ können Sie Verständnis und Mitgefühl ausdrücken.
Es ist aber nicht immer sinnvoll, Bedauern zu zeigen. In manchen Situationen werden Sie es auch einfach nicht wollen.
Je nach Bitte oder Forderung ist es schon ausreichend, Interesse an der Angelegenheit des Anderen zu signalisieren, damit ihr NEIN nicht gleichgültig wirkt.

2. Schritt:
Formulieren Sie ein eindeutiges NEIN.
Reden Sie nicht um den heißen Brei herum, sagen Sie direkt, ob Sie zustimmen oder ablehnen. Das ist nicht nur für Sie effektiver, es ist auch für den Anderen angenehmer, wenn er direkt weiß, woran er ist.

3. Schritt:
Geben Sie eine Begründung, in dem Sie der anderen Person mitteilen, welche Gefühle, Bedürfnisse und Tatsachen Sie davon abhalten, auf die Bitte einzugehen.

4. Schritt:
Teilen Sie Ihrem Gegenüber mit, wie Sie sich jetzt verhalten möchten.

5. Schritt:
Zeigen Sie Alternativen auf, wenn es zu Ihren Bedürfnissen passt und es in Ihrem Interesse ist.

6. Schritt:
Wenn die Reaktion Ihres Gegenübers stark emotional ist, können Sie ggf. noch eine Beziehungsbitte anschließen.
z.B. „Wie geht es Dir damit?“oder "Ist das O.K. für Dich?“

Sollte es dennoch zu einer Diskussion kommen, dann wiederholen Sie diese Strategie.
Nach spätestens 3 Durchläufen wird Ihr Gesprächspartner aufgeben.



 

Beispiel 1

Beispiel 2

Beispiel 3

Beispiel 4

Mitgefühl und Interesse

Es tut mir wirklich leid ...

Ich kann Dich gut verstehen, wie wichtig Dir der gemeinsame Urlaub mit Deinem Mann ist.

Es tut mir sehr leid, ich weiß wie dringend das für Sie ist ....

Ich finde es auch schön, Dich wiederzusehen ...
Vielen Dank für die Einladung ....

Eindeutiges NEIN

... ich kann Dich dieses Mal nicht vertreten.

Ich möchte meinen Urlaub allerdings nicht an Dich abtreten.

... dennoch kann ich diese Aufgabe nicht übernehmen.

... ich werde am Wochenende aber dennoch nicht zu Dir kommen.

Begründung

Zum einen fühle ich mich selber zur Zeit sehr erschöpft und zum anderen fühle ich mich auch unzufrieden, weil mir eine Balance zwischen Geben und Nehmen wichtig ist.

Ich habe mich rechtzeitig, um diesen Termin beworben und ihn mit allen Kolleginnen, auch mit Dir, im Vorfeld abgesprochen.
Für mich und meine Familie ist es ebenfalls der einzig passende Termin und ich bin überglücklich, dass dieses Jahr auch die Kinder mit ihren Familien mitgehen können, nachdem es die letzten Jahre nie geklappt hat.

Sowohl Herr Müller und auch Herr Schulz haben mir bereits Terminangelegenheiten übergeben und ich habe ihnen eine pünktliche Erledigung zugesagt.
Ich fühle mich für die fristgerechte Erledigung verantwortlich und habe ein schlechtes Gefühl, wenn ich Ihre
 Ihre Aufgabe dazwischenschiebe, da sich dadurch die Fertigstellung der anderen Aufgaben verzögern wird.

Ich bin beruflich z.Z. stark eingespannt und Anne und ich haben nur wenig gemeinsame Zeit miteinander.
Das Wochenende mit meiner Freundin ist mir sehr wichtig.

Verhalten

Ich werde mich dieses Wochenende ausruhen, um nächste Woche wieder fit zu sein.

Ich werde wie geplant im Juni den Urlaub nehmen.

Ich werde die beiden Aufgaben für Herrn Müller und Herrn Schulz schnellstmöglich erledigen, und mich dann sofort um Ihr Anliegen kümmern.

Ich werde das Wochenende mit Anne gemütlich allein verbringen.

Alternative

Wenn Du mich im Juni an meinem Geburtstag vertrittst, dann werde ich das nächste Wochenende für Dich übernehmen.

Für den Herbsturlaub haben wir aber noch keine Pläne.
Falls für Dich und Deinen Mann die Woche im Oktober interessant ist, könnte ich mir hier einen Tausch vorstellen.

Gerne rufe ich Herrn Schmidt an und spreche mit ihm ....
Oder aber wir klären gemeinsam mi Herrn Müller und Herrn Schulz die Prioritäten der Aufgaben ab.

Wir sehen uns bestimmt bei einer der nächsten Fort- bildungen, und da ist auch bestimmt Zeit für ein Bier hinterher.

Beziehungsbitte

Was hältst Du davon?

Was hältst Du davon?

Ist Ihnen damit geholfen?

Ist das O.K. für Dich?

Die Vorteile von einem freundlichen und empathischen NEIN liegen auf der Hand:
Ein Nein zu äußern, bedeutet immer auch eine Konfliktsituation zu schaffen.
Egal wie banal die Situation sein mag, ein NEIN ist immer eine Ablehnung für den Anderen. Sagen Sie NEIN, dann haben Sie sich durchgesetzt und damit bereits einen Vorteil für sich verbuchen können.
Schaffen Sie es nun noch, dass Ihr Gegenüber sich bei Ihrem NEIN nicht vor den Kopf gestoßen fühlt, dann haben Sie einen zweiten Nutzen aus Ihrem NEIN gezogen, denn je nach Situation haben Sie es geschafft, die gute Beziehung zu erhalten, Verständnis für Ihr NEIN zu schaffen, Ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen und sich trotz des unangenehmen NEIN-Sagens selbst immer noch wohl zu fühlen.

Doch auch ein freundliches, empathisches NEIN schließt Enttäuschungen nicht aus. Noch so viel Einfühlung ändert nichts an der Tatsache, dass ein NEIN die Wünsche und Erwartungen anderer nicht erfüllt. Mit einem NEIN übernehmen Sie die volle Verantwortung für Ihre eigenen Gefühle, Bedürfnisse, Absichten und Handlungen, aber nicht für die Gefühle anderer Menschen.
Wie jemand auf Ihr „freundliches NEIN“ reagiert liegt nicht in Ihrer Verantwortung.
Mit einem freundlichen und empathischen NEIN gelingt es Ihnen Unangenehmes zu sagen, ohne selbst unangenehm zu sein.

NEIN-Sagen lernen erfordert Geduld, Übung und etwas Mut.
Langfristig respektieren uns Menschen sehr viel mehr, wenn in unserem Vokabular auch ein entschiedenes NEIN vorkommt.
Und wenn Sie öfter NEIN sagen, dann hat auch Ihr JA wieder eine Bedeutung.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und viele neu geschaffene Freiräume im Einklang mit Ihren Bedürfnissen:)


Ihr
Stephan Guyot

 

Quellen:
Psychologie Heute Ausgabe 11/2011
Tanja Baum „Die Kunst, freundlich NEIN zu sagen“
Marshall B. Rosenberg „Gewaltfreie Kommunikation“
Anja Förster / Peter Kreuz „NEIN“

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